Die virtuelle Mediathek
Der moderne Mensch streamt ja, was das Zeug hält. Die genialen Algorithmen präsentieren ihm immer wieder Filme, Serien oder Musikstücke, die angeblich genau zu dem passen, was er gerade gesehen oder gehört und obendrein noch gar nicht vermisst hat. Ich sage: Bleibt mir bloß vom Leib damit! Welche Künstler warum zu meinem Favoritenkreis gehören, kann keine künstliche Intelligenz verstehen, nicht mal ich selbst. Wird mir da plötzlich ein Remaster untergeschoben anstatt meines eigenen Vinyl-Rips? Oder wird die Album-Version eines Titels durch dessen Single- oder Video-Version ersetzt? Ein Albtraum! Ich will mich auch auf gar keinen Fall darauf verlassen müssen, dass die Streaming-Dienstleister wie Spotify, YouTube oder Apple Music morgen noch die Musik anbieten, die mir heute gefällt.
Musik überhaupt zu besitzen, sie also auch offline auf echten Medien oder in einer eigenen Dateisammlung zur Verfügung zu haben, ist nicht mehr zeitgemäß. Niemand in meinem Bekanntenkreis macht das noch. Das ist schade, denn so geht doch die Erinnerung an die Strapazen verloren, die man einst beim Anlegen einer eigenen Sammlung auf sich nehmen musste.
Ich habe mich von dieser schnell drehenden Musik-Erneuerungswelt abgewandt und pflege meine eigene Sammlung offline. Sie besteht inzwischen nur noch zu einem sehr kleinen Teil aus physischen Datenträgern. Die ganz wichtigen Sachen kaufe ich nach wie vor als CD oder habe sie aus nostalgischen Gründen noch als Schallplatte. Aber alles andere verkaufe ich direkt nach dem Rippen wieder. Wenn es nicht auf die allerletzte Klang-Nuance ankommt, besorge ich mir auch direkt AACs oder MP3s zum Kauf oder »leihe« sie mir von Freunden. Außerdem habe in letzter Zeit das sicherlich höchst illegale Mitschneiden von Streaming-Inhalten für mich entdeckt.