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Der gute Klang

Bei diesem Thema wird es … nun ja … emotional, kontrovers, kompliziert. Ich kenne eigentlich kein anderes Feld, das so vollgestopft ist mit Halbwahrheiten, Missverständnissen und Verschwurbelungen wie das Thema High Fidelity. Mal zur Einordnung: Ich bin absoluter Laie. Ich bin weit weg vom Hörvermögen eines Profimusikers oder gar eines Dirigenten. Trotzdem klappt mir manchmal die Kinnlade runter, wenn ich angeblichen Experten dabei lauschen darf, mit welchem Halbwissen sie auf Kunden losgelassen werden.

Ich werde hier einfach immer mal wieder einen Aspekt herausgreifen, dem ich kürzlich begegnet bin oder der mir aus anderen Gründen im Kopf herumschwirrt.

Tonträger

Es geht schon bei der Frage los, wie gut oder schlecht bestimmte Tonträger klingen, die ich als Quelle für meine Sammlung heranziehen kann. Der Versuch einer Einordnung.

Schallplatte

Über das älteste für Hifi-Klang taugliche Medium wird erwartungsgemäß am meisten Unfug verbreitet. Viele Hifi- oder gar High-End-Jünger sind sich sicher: Niemals zuvor und danch hat etwas besser geklungen als die gute, alte Schallplatte. Die Fakten sprechen allerdings eine ganz andere Sprache. Die Kanltrennung ist lausig, der Rauschabstand prinzipbedingt miserabel und außerdem gibt es aus geometrischen Gründen nur zwei Punkte, bei denen die Wiedergabe perfekt möglich ist. In den anderen drei Bereichen vor, zwischen und hinter diesen Punkten gibt es zwangsläufig einen Knick in der Abtastrichtung und Tonarm-Anlenkung.

Zweifellos ist es erstaunlich, wie gut Plattenspieler und ihre einzelnen Komponenten im Laufe der Jahrzehnte geworden sind. Und so wie der Verbrennungsmotor in praktisch allen Belangen schlechter abschneidet als sein elekrischer Nachfolger, will auch hier niemand wirklich wahrhaben, dass die Zeit eigentlich abgelaufen ist. Warum ist das so?

Nun, zum einen ist da natürlich ein gewisser kultureller Aspekt. Eine Schallplatte auflegen, bedeutet: Sich Zeit nehmen, ein Werk vollständig hören zu wollen. Da nimmt man in Kauf, dass man nach 25 Minuten umdrehen muss. Man lässt das unvermeidliche Knistern über sich ergehen, man akzeptiert, dass es schwierig ist, einen bestimmten Titel sekundengenau anzusteuern und so weiter.

Aber vor allem gehen die Tontechniker hier einen anderen Weg als bei CDs und Streaming-Daten: Weil die Schallplatte nur zu Hause sinnvoll abgetastet werden kann, steht der Raum schon mal fest, in dem diese Musik im Regalfall konsumiert wird: In den eigenen vier Wänden. CDs und andere Digitalmedien dagegen werden immer mehr unterwegs gehört, also per Smartphone oder im Auto. Hier haben die Verlage irgendwann einen völlig übertriebenen Lautstärke- und Kompressionskrieg begonnen, der paradoxerweise dazu führt, dass Schallplatten in der Regel besser klingen. Das liegt aber nicht am Medium an sich, sondern nur an den idiotischen Rahmenbedingungen, unter denen digitale Medien heute produziert und vertrieben werden.

CD

Was der Compact Disc nicht schon alles vorgehalten wurde! Am Anfang, also so in den 80ern, galt der Klang der CD als kalt, was wohl vor allem daran lag, dass die ersten CD-Spieler noch etwas scharfkantige Filter hatten. Später kam dann ein angeblich zu stark eingeschränkter Klang dazu, der auf die nur 16 Bit Signalvarianz und die mit 44,1 kHz angeblich nicht ausreichende Bitrate zurückgeführt wurde. Das erste Argument wird wohl heute niemand mehr rausholen und das zweite ist in meinen Augen ziemlicher Unsinn.

So wie Anhänger der Homöopathie glauben, dass Wasser irgendwelche Eigenschaften bewahren kann, obwohl nach ewiger Verdünnung kein Wirkstoff mehr enthalten ist, so glauben viele Hifi-"Experten", dass ein Tonsignal weit mehr als die maximal hörbare Frequenz von, im besten Fall, 20 kHz haben müsse, um den vollen Klang entfalten zu können. Aber erklären Sie mal hier im Südwesten Deutschlands die Homöopathie für unwirksam. Den gleichen Gegenwind erfahren Sie auch aus dem Hifi-Lager, wenn Sie diesen simplen Fakt erwähnen. Ich bin jetzt über 50 Jahre alt und die höchste Frequenz, die ich hören kann, liegt vermutlich bei nicht mehr als 15 kHz. Mehr als die Abtastrate der CD ist für niemanden sinnvoll. Alles andere ist Datenverschwendung.

Bleibt noch die Worttiefe von 16 Bit. Das macht pro Halbwelle reichlich 32.000 verschiedene Werte. ich glaube nicht, dass es irgendjemanden auf der Welt gibt, der da Zwischenräume vermissen kann. Sorry, aber das ist wirklich Unfug. 44,1 kHz / 16 Bit reichen absolut aus, jedenfalls beim Endprodukt CD. Während des Maasterings natürlich nicht, da kann es gar nicht genug sein, aber für das reine Hörerlebnis in einer normalen Wohnung kann sich jeder eine SACD oder noch größer aufgelöste Standards getrost sparen.

Etwas was ganz anderes ist natürlich die Frage, was man daraus macht. Seit Mitte der 90er Jahre werden CDs so idiotisch hoch ausgesteuert und ihrer Dynamik beraubt, dass sie tatsächlich mies klingen. Da kann aber die CD nichts dafür, diese Entscheidung wird was weiß ich wo gefällt. Würde mich wirklich interessieren, was dieser Quatsch soll. Anfangs ging es ja mal darum, möglichst laut zu sein und vielleicht beim Autofahren den Sound nicht zu leise werden zu lassen zischen den Trommelwirbeln. Aber das könnte man ja mit Dynamikkompressoren auch zur Laufzeit regeln und dafür das Signal der CD sauber lassen. Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen, tut mir leid.