Datenschutz
Home/Audio/Diskografie/Kraftwerk/Headphone Surround 3D  

Kraftwerk  

   

Das 3D-Rätsel: The Mix

Als der 3D-Katalog erschienen ist, kam ich zunächst etwas ins Grübeln: Hm, Moment mal... Album Nummer 7, The Mix, ist ja eine Neuauflage älterer Stücke. Es war bis zum 2009er Remaster-Katalog durchaus sinnvoll, dieses Album als eigenständiges Studio-Album zu interpretieren und separat zu restaurieren, weil sich die Musik ja klar von den klassischen Alben unterschied. Aber wenn doch nun bei 3-D Der Katalog alles neu am Computer entstanden ist, was soll denn dann der Inhalt der The Mix sein? Eine neu aufgenommene Version des bereits neu Aufgenommen oder wie oder was?

Die Lösung ist Kraftwerk-typisch. Scheibe Nummer 7 enthält zwar wie seinerzeit The Mix einen Teil der Musik noch einmal, der bereits auf den Scheiben 1 bis 6 enthalten ist, aber nicht in Stereo, sondern in Headphone Surround 3D.

Bitte was? Was ist das? Dolby Atmos? Oder etwas anderes? Ich versuche es mal:

3D Audio

Das ganze Thema 3D-Musik und Dolby Atmos finde ich immer noch etwas verworren und verwirrend. Eine kleine Zusammenfassung dessen, was ich halbwegs verstanden habe:

Stereo (und auch Surround, egal ob 5.1, 7.1, 9.1 oder was auch immer) ist immer 2D. Bei Surround kann man zwar auch etwas von hinten und von den Seiten hören, aber immer nur auf einer 2D-Scheibe. Das ist im Kino so, das ist im Home Cinema so und beim Musik hören auch. Und egal ob Stereo oder Surround, im Kopfhörer klingt immer alles so, als säße das Orchester, die Band oder der Computer, der die Musik erzeugt, direkt im Kopf.

Etwas völlig neues ist nun 3D-Musik. Dabei kommen noch Höhenlautsprecher hinzu. Das wird dann z.B. zu 7.1.4, also sieben Lautsprecher in einer Scheibe angeordnet, ein Subwoofer und vier Höhenlautsprecher. Setzt man nun ein 3D-Verfahren ein wie Dolby Atmos, dann werden die meisten Geräusche (Hintergrundmusik im Film z.B.) immer noch starr auf die Surround-Kanäle verteilt, aber es kommen zahlreiche Vektor-Objekte dazu. Ein bewegtes Objekt im Film könnte dann einem Audio-Objekt zugeordnet werden, das sich auf einer definierten Bahn durch den Raum bewegen soll. Der Receiver berechnet live die Lautstärken und Laufzeitunterschiede, die auf der eingemessenen Kino- oder Heimanlage nötig sind, um diese Bahn zu beschreiben. Damit das klappt, braucht man ein echtes 3D-Audio-fähiges Kino oder eine entsprechend eingemessene 3D-Anlage daheim.

3D im Kopfhörer

Es gibt aber noch eine Möglichkeit: Der kleinste vorstellbare Raum, auf den ein Receiver den 3D-Klang berechnen könnte, wäre der menschliche Kopf. Da am Ende nur zwei "Mikrofone" eingesetzt werden (die Trommelfelle), kann man den Ton für diesen Spezialraum schon vorberechnen und braucht nur noch zwei Kanäle abspeichern. Und genau das ist Headphone Surround 3D: Aus den 3D-Vektoren berechneter, räumlicher Klang für einen normalen Kopfhörer. Und räumlich heißt hier wirklich 3D, also ein einhüllender Ton, der von außerhalb des Kopfes zu kommen scheint.

Bei Dolby Atmos scheint dieser Schritt nur dann möglich zu sein, wenn man die Musik entweder durch einen Prozessor rendern lässt, dann braucht man aber schon mal eine Atmos-Anlage. Oder man lädt vorprozessierte, aber lizenzpflichtige Musik direkt aus einem der Atmos Stores, zum Beispiel mit Apple Music. Das kommt für mich zumindest im Moment noch nicht in Frage. Dazu müsste ich erst verstehen, wie ich diese Musik dauerhaft offline speichern kann. Außerdem scheint mir die Musik doch noch etwas stümperhaft produziert zu werden, wenn ich die einschlägigen Artikel dazu, zum Beispiel in der c't, richtig interpretiere.

Headphone Surround 3D

Neben Dolby Atmos gibt es aber noch einen davon unabhängigen Weg, 3-D für Kopfhörer zu konsumieren: Headphone Surround 3D von Tom Ammermann. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das sozusagen eine aus den Rohdaten (aus denen auch Dolby Atmos entsteht) gerenderte Kopfhörer-3D-Version, die binaurales Audio erzeugt. Es muss aber neben Dolby Atmos zusätzlich verfügbar sein und wird nicht etwa aus diesem generiert.

Als eine der ersten Bands überhaupt haben Kraftwerk dieses Kino-Konzept mit Musik probiert. Sie haben ihre Musik vektorisiert und in einem 3D-Format aufgenommen.Dieses liegt bei der Blu-ray-Version zwei Mal vor: Zum einen für eine 3D-Heimkino-Anlage im Format Dolby Atmos und zum anderen als Headphone Surround 3D.

Bei den Audio-Versionen (CD, Vinyl und Download) kommt Platte Nummer 7 (The Mix) als Headphone Surround 3D. Sich The Mix auf der normalen Stereoanlage anzuhören, bringt daher gar nichts, es muss unbedingt ein Kopfhörer sein.

Wenn man das ausprobiert, haut es einen förmlich um. Ich bin bei Music Non Stop schier zusammengezuckt, als hinter und über mir die Vocoder-Stimmen loslegten. Allerdings muss man sagen, dass das nicht bei jedem Hörer gleich gut funktioniert. Vielen Freunden, denen ich das vorgeführt habe, geht es wie mir. Andere dagegen nehmen fast keinen Unterschied wahr.

Die ganze Wahrheit

Ich hatte es einfach nicht verstanden. Ich hatte die Blu-rays vier Jahre im Schrank stehen und kapierte es nicht. Ich dachte die ganze Zeit, nur The Mix sei in Headphone Surround 3D zu hören, weil ich das so von den reinen Audio-Versionen her kannte.

Erst als ich mir für ein anderes Projekt einen Blu-ray-Player für meinen PC gekauft hatte, erinnerte ich mich an die Blu-rays von 3-D The Catalogue. Ich wollte mal versuchen, den Sound der englischen Version zu extrahieren und als MP3 zu kodieren. Dieses Experiment hat geklappt, jetzt klingen meine englischen MP3s endlich genau so gut wie die aus den deutschen CDs generierten.

3-D Der Katalog: Auch ohne 3D ein Meisterwerk

Aber bei der Gelegenheit entdeckte ich noch etwas ganz anderes: Nicht nur die The Mix ist als Headphone Surround 3D auf den Blu-rays, sondern alles. Alles! Der Ton aller acht Alben ist nicht nur für Dolby Atmos kodiert, sondern auch als Headphone Surround 3D auf den Blu-rays abgespeichert.

Die Discs enthalten vier Tonspuren:

  • 2-Kanal-Stereo (2D)
  • 5.1 Surround (2D)
  • TrueHD (3D für Dolby Atmos)
  • Headphone Surround 3D (für Kopfhörer)

Und (zum Beispiel) mit ffmpeg lässt sich auch die vierte Spur auslesen und dann natürlich auch mit lame kodieren. Ist das eigentlich dem typischen Besitzer des 3D-Katalogs klar? Ich wusste es jedenfalls nicht. Ich habe mir das jetzt alles extrahiert und habe nun den gesamten 3-D Der Katalog komplett einmal in Stereo für die Hifi-Anlage und zusätzlich in Headphone Surround 3D. Demnächst beschreibe ich hier mal, wie man das macht.